Glücksforschung

Auszug aus der Erstauflage unseres Buches (Stand 2001):
Zurück zum Inhaltsverzeichnis Die Erblichkeit des Glücks und der angeblich fix angeborene Happiness Set point

     Steht auch unser Glück und Wohlbefinden unter dem Einfluss der Gene? Sind echte Frohnaturen - vom Augenblick der Befruchtung an - nur wegen ihrer Gen-Ausstattung ihr Leben lang glücklicher? Geht ohne die richtigen Gene gar nix? Ist auch unsere Neigung und Können glücklich zu sein genetisch festgelegt?
     Um diese weitreichende Frage bestmöglich beantworten zu können, werteten David Lykken und sein Team vom Minnesota-Zwillingsprojekt die Rohdaten von 1.497 ein- und zwei-eiigen, getrennt und zusammen aufgewachsenen Zwillingspaaren aus, die das Zwillingsprojekt im Laufe der 80er

Jahre gesammelt hatte. In ihrer Studie mussten alle Zwillinge den 198 Punkte MPQ-Fragebogen zur Feststellung ihrer Persönlichkeit ausfüllen.

     Im Zusammenhang mit dem Glück interessieren uns aber nicht alle Antworten der Zwillinge, sondern

nur ihre Antworten zu ihrer MPQ-Eigenschaft "Wohlbefinden", denn diese Wohlbefindens-Eigenschaft des MPQ ist ein außerordentlich gut geeignetes Mittel zur Feststellung des Glücks. Sie erlaubt uns nämlich eine genauere Feststellung des heutigen Glücks als der üblicherweise in der Glücksforschung verwendete Fragebogen zur Feststellung der Extravertiertheit.
      Wie die folgende Grafik zeigt, fanden Professor Lykken und sein Team in ihrer ersten Zwillingsstudie (1988) folgende Erblichkeit des heutigen Glücks und Wohlbefindens:


Die Erblichkeit des heutigen Glücks und Wohlbefindens

     Wie unter Fachleuten zu erwarten, stellte Dr. Lykken fest, dass die erbgleichen Zwillinge, gleichgültig ob sie im Elternhaus oder in Adoptionsfamilien aufwuchsen (siehe die hintere Reihe in der Grafik), sich in ihrem heutigen Glück und Wohlbefinden sehr viel ähnlicher waren als die zwei-eiigen Zwillinge, ebenfalls gleichgültig ob sie getrennt oder zusammen aufwuchsen (vordere Reihe in der Grafik).
     Dr. Lykken schloss deshalb aus den Ergebnissen seiner ersten Studie, dass eine Momentaufnahme - ein Schnappschuss - vom Leben der Zwillingspaare ergibt, dass zwischen 44 und 53 Prozent (oder was dasselbe ist: 48,5 Prozent oder rund 50 Prozent) unseres gegenwärtigen, heutigen Glücks und Wohlbefindens sicher und zuverlässig genetisch festgelegt sind.
     Aber zufälligerweise könnte es am Tag dieses ersten Wohlbefindens-Tests (1988) bei dem einen oder anderen Zwilling ja auch so gewesen sein, dass bei ihm gerade alles Prima! lief und er sich vielleicht noch im Nachklang eines kürzlich erlebten, fantastischen Hochs befand. Andererseits könnte sich aber auch die erbgleiche Zwillingsschwester Anne, die zuerst das Licht der Welt erblickte, an diesem Tag ein bisschen deprimiert gefühlt haben, weil sie aus ihrer Firma entlassen wurde oder eines ihrer Kinder zufällig krank war. Ihre Zwillingsschwester Brigitte dagegen könnte sich an diesem Test-Tag zufälligerweise besonders prächtig gefühlt haben, weil ihr Mann in seiner Firma befördert wurde, einen Karriere-Sprung gemacht, eine Gehaltserhöhung oder ihre Tochter gerade eine gute Note in Mathematik bekommen hat. Ihre ähnlichen Summen in ihren Wohlbefindens-Fragebögen

spiegeln deshalb wahrscheinlich nicht ihre wahre genetisch festgelegte Ähnlichkeit in ihrem Glück und Wohlbefinden wider. Denn die Ähnlichkeit in einer einmalig durchgeführten Befragung ist nur eine Momentaufnahme (ein Schnappschuss) der unbekannten wahren, genetisch festgelegten Ähnlichkeit und zwar deshalb, weil die einmalige Befragung die täglich kleinen oder großen Schwankungen unseres Glücks (nach oben oder unten) niemals erfassen und berücksichtigen kann, und deshalb unterschätzt oder unterbewertet eine einmalige Befragung die wahre, langfristig stabile Erblichkeit des Glücks.
      Um diese langfristig stabile Erblichkeit des Glücks herausfinden zu können, müssten wir deshalb den Wohlbefindens-Test mehrmals durchführen sagen wir mal täglich, wöchentlich, monatlich, vierteljährlich oder über mehrere Jahre, Jahrzehnte hinweg und dann den Durchschnitt aus allen Wohlbefindens-Summen berechnen. Ein solcher Durchschnittswert, insbesondere wenn er aus vielen Wohlbefindens-Summen mehrerer Jahren berechnet worden wäre, ergäbe den Happiness Set point (das genetisch festgelegten, langfristig stabile Normal-Niveau des Glücks), auf den unser Glück immer wieder zurückkehren würde, nachdem es auf Grund erfreulicher oder unerfreulicher Ereignisse rauf und runter geschwankt hat.
          Um diesen Happiness Set point herausfinden zu können, führten Professor Lykken und sein Team deshalb rund zehn Jahre später (1996) eine - in der internationalen Weltpresse viel Staub aufwirbelnde - Wiederholungsstudie durch1). Dabei kam als erstes Ergebnis heraus, dass

die Wohlbefindens-Summe jedes Teilnehmers in der ersten Studie zu 55 Prozent mit seiner eigenen  Wohlbefindens-Summe in der Wiederholungsstudie (zehn Jahre später) zusammen hing. Diese mittelprächtige zeitliche Stabilität der Test-/Wiederholungstest-Ergebnisse von 55 Prozent entsprach auch ganz den Erwartungen von Dr. Lykken und entspricht auch ganz unseren Vorstellungen, dass manche Zwillinge, die beim ersten Test die glücklichsten oder unglücklichsten waren, wahrscheinlich zehn Jahre später, am Tag des Wiederholungstests, mehr oder weniger glücklich oder unglücklich sein würden.
     Als aber Dr. Lykken alle Wohlbefindens-Summen der 262 erbgleichen (genetisch identischen), erst- und zweitgeborenen Zwillinge miteinander in Beziehung setzte, kam etwas sehr Verblüffendes heraus: Die Wohlbefindens-Summen der 131 erstgeborenen Zwillinge in der ersten Studie hingen zu 54 Prozent kreuzweise mit den Wohlbefindens-Summen ihrer 131 zweitgeborenen Brüder oder Schwestern in der Wiederholungsstudie zusammen. Das kreuzweise Glück der Zwillingspaare hing also auch nach zehn Jahren fast genau so stark (54 Prozent) zusammen, wie das Glück jedes einzelnen Zwillings mit seinen eigenen zwei Wohlbefindens-Summen (55 Prozent) im Abstand von zehn Jahren.
   Deshalb berechnete Dr. Lykken aus diesen beiden Ergebnissen die Erblichkeit des genetisch festgelegten, langfristig stabilen Bestandteil unseres Glücks - die Erblichkeit unseres Happiness Set points - folgendermaßen:

    Erblichkeit des Happiness Set points = 54 Prozent x 100 = 98,2 Prozent 100 Prozent.
       
  55 Prozent

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     Nachdem Dr. Lykken also herausgefunden hatte, dass beispielsweise nicht nur das aktuelle, heutige Glück des erbgleichen Zwillings A(nne) an Hand ihres zehn Jahre zurückliegenden Glücks mit 55-prozentiger Wahrscheinlichkeit zehn Jahre später vorausgesagt werden konnte, sondern auch, dass mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit ihr eigenes heutiges Glück an Hand des zehn Jahre zurückliegenden Glücks ihrer Zwillingsschwester B(rigitte) vorausgesagt werden konnte (und dasselbe auch umgekehrt gilt), kam er zu der - in der internationalen Weltpresse sehr viel Staub aufwirbelnden - Schlussfolgerung, dass jedem Menschen von Anfang an - voll und ganz, fix und fertig, eine Art angeborener Satz zusammengehörender gleichartiger Dinge, wie körperliche Verfassung, Haltung, Denkart oder Erwartungshorizont ein Happiness Set point mitgegeben ist, der das Ausmaß seines dauerhaft stabilen Glücks von vornherein festlegt.2)
      Ähnlich wie sich das Körpergewicht eines Menschen auch nach noch so vielen Schonkost-, Trennkost-, "Petra"-, "Für Sie"-,"Brigitte"-, "Du darfst"- oder "Hollywood"-Diäten immer wieder auf seinen biologisch vorgegebenen Setpoint einpendelt, steigt oder fällt auch unser Glück und Wohlbefinden durch erfreuliche oder unerfreuliche Erlebnisse zwar kurzfristig, kehrt aber immer wieder wie ein Jo-Jo - zu seinem Happiness Set point zurück.
     "Unser Glück verbraucht sich und muss erneuert werden", schreibt Dr. Lykken, "Seien Sie deshalb ein bewanderter Epikureer. Eine ständige Schonkost, mit kleinen Freuden, wird Sie oberhalb Ihres genetisch festgelegten Happiness Set points bleiben lassen. Finden Sie die kleinen Dinge des Lebens heraus, von denen Sie wissen, dass sie Ihnen Spaß und Freude machen: Gutes Essen, gutes Trinken, im Garten arbeiten, Freizeit mit Freunden verbringen -, die Liste ist endlos. Und versehen Sie Ihr Leben mit jeder Menge Tüpfelchen davon. Auf lange Sicht werden Sie damit glücklicher leben, als mit irgend einer großartigen Leistung, die Ihnen eine Zeit lang großen Auftrieb gibt." Nach einer Zeit der großen Glücksgefühle stellt unser Körper sein Glücksempfinden wieder auf sein Normalniveau ein.
      "In erster Linie", folgert Dr. Lykken, "wird unser Glück und Wohlbefinden vom großen genetischen Lotterie-Spiel im Augenblick der Befruchtung festgelegt. Das langfristig stabile Glück des Menschen ist deshalb zu 100 Prozent rein zufällig, ein reines Zufallsphänomen.", und er kommt zu der Schlussfolgerung: "Zu versuchen glücklicher zu werden, ist genau so sinnlos, wie zu versuchen größer zu werden. Es ist sinnlos."
     Diese, seine ziemlich pessimistische - sich aber nicht zwingend aus den Zahlen und Fakten ergebende - Schlussfolgerung ist  schmerzhaft falsch. Warum?
     Ist unser Glück jetzt zu 48,5 oder 100 Prozent genetisch festgelegt? Die von Dr. Lykken berechnete Erblichkeit des Glücks von 100 Prozent bezieht sich auf den langfristig stabilen Teil-Aspekt des Glücks, der über einen Zeitraum von zehn Jahren stabil geblieben ist, während der Teil-Aspekt des Glücks, der 48,5 Prozent beträgt, sich auf jeden x-beliebigen Zeitpunkt (Moment) bezieht. Einerseits hat sich Dr. Lykken also bei seiner ersten Erblichkeitsstudie auf eine einmalig durchgeführte Befragung konzentriert und aus ihrem Ergebnis geschlossen, dass die Gene einen beträchtlichen (um die 50-prozentigen) Einfluss auf unser Glück haben. Andererseits hat er sich in seiner Wiederholungsstudie auf das langfristig stabile - zehn Jahre - Glück konzentriert und aus dem Verhältnis seines ersten zu seinem zweiten Ergebnis geschlossen, dass die Gene einen extrem mächtigen (100-prozentigen) Einfluss auf unser Glück haben.
     Um die beiden sich widersprechenden Ergebnisse mal schön sauber zu trennen und klar auseinander zu halten: Natürlich wird einerseits der Teil-Aspekt des Glücks, der über zehn Jahre hinweg stabil bleibt, höchstwahrscheinlich durch immune, unempfindliche, nicht beeinflussbare Dinge - wie die Gene sie nun mal sind sehr stark beeinflusst werden. Andererseits ist aber nicht einzusehen, dass der Teil-Aspekt, der unser heutiges Glück widerspiegelt, nicht durch potenziell mögliche, erfreuliche oder unerfreuliche Erlebnisse nicht beeinflusst werden kann. Der langfristige Teil-Aspekt des Glücks oder Happiness Set point ist zwar stabil, aber wir können immer etwas tun (und tun es auch ständig), damit wir zumindest augenblicklich oder für eine Zeit lang über unserem Happiness Set point liegen und uns dadurch wohler fühlen und glücklicher sind, als es in unserer Gen-Ausstattung festgeschrieben steht. Zurück zum Inhaltsüberblick
    Sicher haben unsere Gene tatsächlich einen großen Einfluss auf unsere Neigung und Fähigkeit glücklich sein zu können. Aber die eben besprochenen Erkenntnisse der Zwillingsforschung zur Erblichkeit des Glücks sind zwar bemerkenswert und interessant, können aber nicht bis zu den genetischen Wurzeln des Glücks vordringen. Weil in den letzten paar Jahren praktisch bei jeder irgendwie erfassbaren Eigenschaft der Persönlichkeit genetische Einflüsse zwischen 40 und 60 Prozent wissenschaftlich gut abgesichert festgestellt wurden, sind die Erkenntnisse der Zwillingsforschung zur Erblichkeit des Glücks tatsächlich - unter uns gesagt, im Vertrauen - nichts besonders Neues.
     All ihre an Hand von Stichproben auf das Allgemeine schließenden statistischen Analysen können niemals die wirkliche, rohe, ursprüngliche Natur und Wurzeln des Glücks heraus finden. Die weitaus erfolgversprechendere Forschungsmethode zur Lösung dieses Problems ist statt dessen die moderne Biotech-Genforschung. Nur durch sie können wir heutzutage feststellen, ob und wie Unterschiede in der Gen-Ausstattung direkt mit Unterschieden in der Neigung und Fähigkeit glücklich sein zu können zusammen hängen. Mit ihrer Hilfe können direkte Verbindungen zwischen einem bestimmten Gen - sagen wir mal einem Hormon-, Botenstoff- oder Rezeptor-Gen - und einer bestimmten Eigenschaft zum Beispiel dem Glücklichsein - direkt festgestellt werden.
     Deshalb muss die Glücksforschung in Zukunft eng mit der Biotech-Genforschung zusammen arbeiten und mit ihren biologischen Tatsachen gekoppelt werden. Wir wissen schon heute, dass unsere Gene die untrennbaren Wurzeln unserer (angenehmen und unangenehmen) Gefühle sind. Im 4. Kapitel unseres Buches Glücksforschung und Glückswissenschaft Band II: Hirnforschung, Neurobiologie, DNS und unsere happy Gene werden wir uns mit den bereits bekannten, glücklicher machenden Genen ganz genau beschäftigen.

1) Lykken, David T. und Tellegen, Auke: Happiness is a Stochastic Phenomenon, in: Psychological Science, 1996, Band 7, Seite 186 bis 189.
2) Lykken, David: Happiness, What Studies on Twins Show US About Nature, Nurture, and the Happiness Set Point, Golden Books Publishing Co., Inc., 2000, 13,95 Dollar, 36,00 DM.

Ich will alles darüber wissen ...

 


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