Auszug aus der 7., aktual. Neuauflage unseres Buches, Januar 2010:
Glücksforschung und Glückswissenschaft Band II
Hirnforschung, Neurobiologie, DNS
und unsere happy Gene
1. Hirnforschung, Neurobiologie und unser Glück und Wohlbefinden
1.1 Eine kleine Gehirn-Anatomie und grobe Arbeitsteilung im Gehirn: Unsere vier „Minigehirne“
1.2 So funktioniert und tickt unser Lust-, Belohnungs- und Glückssystem
Die vier Hirnregionen des „klassischen“ (links) und
aktuell erweiterten (oben) Lust-, Belohnungs- und Glückssystems
Unser Lust-, Belohnungs- und Glückssystem funktioniert nicht so simpel und einfach, wie der Journalist Stefan Klein in seiner etikettenschwindlerischen Mogelpackung „Die Glücksformel“ schreibt.
Mogelpackung deshalb, weil zwar „Die Glücksformel“ drauf steht, aber, außer ein
paar Bauernregeln, Gemeinplätzen und Binsenweisheiten, die jeder eh schon kennt, gar keine Glücksformel drin ist.
Vielmehr tragen mindestens sieben Hirnregionen zum Entstehen, biochemischen Aufbau und Erleben unseres Glücks bei, wobei noch zwei weitere zu seinem jeden erkennbaren motorisch à muskulären Gesichtsausdruck hinzukommen können.
Vorweg muss allerdings betont und darauf hingewiesen werden, dass diese
Hirnregionen eng miteinander verwachsen sind und vorwärts und rückwärts
miteinander kommunizieren und keine Hirnregion der alleinige Ort unseres Glücks
und Wohlbefindens ist. Glücksgefühle sind - wie alle Emotionen, Gefühle, Stimmungen - ein
elektro-biochemisch neurobiologischer Lebensprozess, der sich zeitlich und räumlich aufbaut und entfaltet.
Am Aufbau unserer freudigen Erwartungen, Vorfreude, inneren Antriebs (Motivation), Freude, „allem was uns gut tut“ und Glücksgefühle (sowie allen legalen und illegalen Drogen und Süchten) sind also beteiligt:
Eine Hirnregion, die von Hirnforschern, Fachärzten und Kennern der Materie - wegen ihrer Lage im bauchwärts (anat.: ventral) liegenden Bereich des Hirnstamms - ventral tegmentales Areal (VTA) genannt wird. Sie ist das A und Ω
und der Ursprungsort des Lust-, Belohnungs- und Glücksregelkreises. Im VTA
beginnt und endet er nach Rückmeldungen von Partnerzellen im Mittel- und Vorderhirn:
Die Amygdala (Mandelkerne)1,9,10,11). Die Mandelkerne sind an allen angenehmen und unangenehmen Gefühlen als eine Art „Speicher-Verteiler-Zentrale“ beteiligt, nicht nur - wie sich mittlerweile auch in der deutschen Psychologen- und Psychotherapeuten-Szene herumgesprochen hat - an allen fünf Angststörungen und der Depression.
Das beidseitig am Boden des vorderen Mittelhirns bauchwärts (anat.: ventral) liegende ventrale Striatum (Streifengebilde), insbesondere ihr Nucleus accumbens (Nacc)2,3,8,10), der im Zusammenwirken mit dem µ-Opioid-System, unsere Lust- und Belohnungs- und Glückszentrale ist.
(Bild unten): Vier fMRT-Scanner-Aufnahmen (coronal Aufnahmen, Durchsicht von vorne), während wir finanzielle Belohnungen (oder Bestrafungen) erwarten. Nur in der ersten Scanner-Aufnahme, links oben (a), während wir in freudiger Vorwegnahme, Erwartung und Vorfreude größer werdende Belohnungen (größere Geldgewinne, mehr Geld) erwarten, ist der Nacc aktiver3,10).
Die direkt über unserem linken Auge liegende Hirnwindung der Hirnrinde (anat.: orbitaler Cortex)4,10)
und die
linke vordere, mittig umgürtende Zentralfurche (anat.: anterior cingulärer Cortex)5).
In diesen zwei Hirnregionen des linken Vorderhirns läuft die gedankliche Beurteilung des momentan Erlebten
als „angenehm, erfreulich, vergnüglich, gut, lustig, schön, fair, geil“ ab.
Der Hypothalamus6) wandelt ständig Botenstoffe in verschiedene Neurohormone um und regelt ihre Ausschüttung über die unten an ihm hängende Hirnanhangdrüse
(Hypophyse) in den Blutkreislauf, über den sie beispielsweise zu unseren Sexualorganen transportiert werden. Abschließend können wir unsere angenehmen Gefühle körperlich spüren, und jeder weiß Bescheid.
Die Nervenbahnen unseres Lust-, Belohnungs- und Glückssystems
Humorforscher kannten beispielsweise schon seit längerer Zeit Hirnregionen, die mit Humor zusammenhängen, die für die Analyse der Sprache und der wörtlichen Bedeutung eines Witzes zuständig sind, sowie die Regionen, die den Gesichtsmuskeln und Stimmbändern das Lächeln oder Lachen befehlen. Wie Dean Mobbs8), Professor an der Stanford University, und seine Kollegen 2003 herausfanden, liegt das eigentliche Geheimnis des Humors aber im Nucleus accumbens (Nacc).
Dean Mobbs und seine Kollegen hatten 16
normal gesunden Studenten lustige oder neutrale Comics vorgelegt und dabei die Aktivitäten in verschiedenen Hirnregionen mit einem fMRI-Scanner abgescannt. Der Nacc war eindeutig die Region, die am stärksten auf die witzigen Comics reagierte. Er wird bei einem herzhaften Lachen mit dem Botenstoff Dopamin überschüttet. Dadurch entsteht ein Belohnungsgefühl und gute Laune, die sich nach einem guten Witz einstellen kann.
Der Nacc ist jedoch ein sehr alter Bekannter nicht nur in der Glücks-, sondern auch in der Suchtforschung: Er ist auch für das Hochgefühl nach Kokaingenuss verantwortlich –, genauso wie für die Hochstimmung bei der Aussicht auf mehr Geld (siehe oben) oder für das Kribbeln beim Anblick eines attraktiven Gesichts.
Wenn wir lachen sind allerdings zum motorisch à muskulären Ausdruck unserer Gefühle noch zwei weitere Hirnregionen
zusätzlich aktiv: Ein etwa zwei Quadratzentimeter kleiner Abschnitt unserer linken vormotorischen7,8) und die motorische Hirnrinde (supplementär motorischer und motorischer Cortex).
Als Dr. Fried von der UCLA Medical School, Los Angeles, nämlich wiederholt den Abschnitt der prämotorischen Hirnrinde seiner 16-jährigen Patienten A. K. elektrisch stimulierte, musste sie immer lachen. Immer, wenn Dr. Fried diesen Teil reizte, lachte sie und sagte, dass irgendetwas lustig sei. Wenn Dr. Fried sie fragte, was denn so lustig sei und warum sie lache, sagte sie jedesmal etwas anderes. Dr. Fried's Patientin lachte zuerst, und reimte sich dann etwas Lustiges zusammen. Normalerweise funktioniert es gerade umgekehrt: Zuerst haben wir etwas Lustiges im Kopf, und erst dann lachen wir darüber.
Dr. Fried vermutete deshalb bereits anno 1998 richtig, dass die prämotorische
Hirnrinde wohl zu einem größeren Gehirnsystem gehört, das aus weiteren
Hirnregionen besteht. Er vermutete, dass manche dabei notwendig sein könnten für:
a) das Entstehen unserer Gefühle, die durch etwas Vergnügliches ausgelöst werden (emotionaler Bestandteil der Glücksgefühle),
b) den „sich's beschaffenden Teil“ des Vergnüglichen (gedanklich beurteilender, denkender Bestandteil der Glücksgefühle) und
c) die Steuerung der Bewegungen der Mund-, Wangen- und Augenmuskulatur zum Gefühlsausdruck des Lächelns, Lachens oder Glücksgefühls (motorischer Bestandteil der Glücksgefühle).
Die prämotorische Hirnrinde regt aber nicht nur den Gefühlsausdruck unseres Lächelns, Lachens oder der Glücksgefühle an, sondern ist vor allem bei allem Sprechen (und besonders beim Stottern) aktiv.
Die folgende Grafik zeigt zusammenfassend noch einmal die drei wichtigsten Hirnregionen unseres Lust-, Belohnungs- und Glückssystems, beispielsweise während wir lachen:
(Bild unten): Diese fMRI-Scans (coronale Aufnahmen, Durchsicht von vorne) zeigen zusammenfassend die Gehirne von Kokainsüchtigen nach dem Sniffen von Kokain. Die Aufnahmen bestätigen, wie unter Kennern der Sucht-, Lern-, Motivations- und Glücksforschung seit langem bekannt, die prompt aufleuchtenden Aktivitätsmuster von fünf Hirnregionen (gelbe Pfeile)10).
(Bild unten): Während die Gehirne der Kokainsüchtigen abgescannt wurden, beurteilten sie auch die Intensität ihrer Rush- und Craving- (Gier-) Gefühle nach Kokain, auf einer Skala, die von 0 bis 3 Punkte reichte. Beim abschließenden Vergleich kam dabei zum ersten Mal ans Licht, dass das ventral tegmentale Areal und die sublenticular erweiterte Amygdala wichtig für den durch Kokain ausgelösten Rush und die Amygdala und der Nucleus accumbens sowohl wichtig für den Rush, als auch für die Gier nach Kokain sind. Wie die folgende Grafik zeigt, klang ihre durch den Rush ausgelöste Euphorie innerhalb von 12 Minuten wieder ab, während ihre Gier (Craving) nach Kokain wieder zunahm10):
1.3 So funktioniert und tickt unser Angst- und Schadensvermeidungssystem
1.4 Die Neurobiologie unserer Glücksgefühle
Jeder amerikanische Hirnforscher wird dir sagen: „Alles Glück ist neurobiologisches Glück.“ Es gibt eine Tatsache über das Gehirn, die so offensichtlich ist, dass sie selten erwähnt wird: Das Gehirn ist mit dem übrigen Körper verbunden und kommuniziert mit ihm. Es empfängt Informationen von den verschiedenen Transduktoren im Körper. Ein Transduktor wandelt dabei eine chemische oder physische Einwirkung - wie beispielsweise Licht, Wärme, oder Druck (Schalldruck, Schallwellen) - in ein chemisches Nervensignal um. Einige dieser Transduktoren reagieren auf Signale, die von außerhalb des Körpers kommen - wie beispielsweise die Fotozellen der Netzhaut deiner Augen oder feinste Härchen in deinem Innenohr. Sie reagieren auf die äußere Umgebung. Andere Transduktoren reagieren auf Vorgänge, die sich innerhalb des Körpers abspielen. Das ist beispielsweise bei denen der Fall, die reagieren, wenn du Magenschmerzen hast oder den Blutzuckerspiegel deines Blutes anzeigen. Sie überwachen deine innere Umgebung.
Nervenzellen sind die entscheidenden Zellen der Hirnaktivitäten. Jeder Mensch hat mehr als 10 Milliarden Nervenzellen mit mehr als 10 Billionen synaptischen Verbindungen (Synapsen)
zwischen ihnen, die lokal verknüpft sind und Hirnregionen bilden. Schließlich
sind die Hirnregionen untereinander zu Regelkreisen und zu Systemen aus Systemen von immer komplexerer Art miteinander synaptisch verbunden, die das ganze Gehirn bilden. Was die Größenordnung betrifft, so ist eine Nervenzelle ultrawinzig klein und nur mit einem Elektronenmikroskop sichtbar. Ein Elektronenmikroskop ist dabei ein Mikroskop, das nicht mit Licht, sondern mit Elektronen funktioniert.
Schematische Darstellung einer Nervenzelle
Animation einer aktiven Nervenzelle
Dass Nervenzellen ihre Signale über Synapsen vermitteln, wurde zuerst an der neuromuskulären Verbindung zwischen Nervenzellen und Muskel entdeckt. Seit geraumer Zeit werden die biophysischen und biochemischen Grundlagen der in drei Schritten ablaufenden Signalübertragung intensiv erforscht. Diese drei Schritte beinhalten:
1. eine Erhöhung des Calcium- (Ca2+)- Einstroms in Mikro-Domänen der einen Botenstoff ausschüttenden Nervenzelle,
2. die Ausschüttung und räumliche Verteilung des Botenstoffs in der Synapse und
3. die Aktivierung von Rezeptoren der die Signale empfangenden Partnerzelle12).
(Oben): Die drei elektronenmikroskopischen Aufnahmen zeigen eine Nervenzelle (Aufnahme links) des Nucleus accumbens (Nacc), Dendriten und dendritischen
Stielen mit Stummeln (neurobiol.: Spines) von normal gesunden (Bild in der Mitte) und kokainsüchtigen Ratten (rechtes Bild). Die Aufnahme in der Mitte zeigt Nacc-Dendriten einer normal gesunden Ratte mit einer normalen Dichte Dopamin empfangender Spines. Im Gegensatz dazu sprießen bei kokainsüchtigen Ratten mehr Spines aus den Dendriten (Aufnahme rechts), und infolgedessen sehen die
dendritischen Stiele buschiger aus. Die durch die Kokainsucht ausgelöst vermehrte Neubildung von Spines macht die Nacc-Nervenzellen reizempfindlicher für ausgeschüttetes Dopamin vom ventral tegmentalen Areal (VTA, Siehe diese Seite oben.) und trägt dadurch zu
ihrer größeren Reizempfindlichkeit bei. Neueste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass der Transkriptionsfaktor DeltaFosB eine entscheidende Rolle beim Wachstum der Spines
in einer Region des Hirnstamms spielt und die Widerstandsfähigkeit gegen Stress vorhersagen kann. Ein DeltaFosB-Überausdruck in dieser Hirnregion wirkt beschützend gegen Stress, was teilweise durch die Unterdruckung des Substanz P Gen-Ausdrucks vermittelt wird.10)
1.5 Ein paar Hirnregionen ticken bei glücklichen und unglücklichen Menschen anders
Wie jeder weiß, reagieren extravertierte, introvertierte und neurotische Menschen anders auf ein und dieselben Reize aus ihrem Umfeld. Vollkommen neu ist allerdings die Tatsache, dass bereits vor ihren allen erkennbaren Reaktionen - aufgrund ihrer unterschiedlichen Bewertung, Beurteilung und neurobiologischen Weiterverarbeitung - ganz bestimmte Hirnregionen bei ihnen aktiver oder weniger aktiv sind. Wie die folgenden 10 fMRI-Scans (Siehe unten: coronale
Aufnahmen, Durchsicht von vorn.) von emotionalen Reaktionen auf 40 angenehme
oder unangenehme Bilder zeigen, leuchten sie beim Betrachten der Bilder von
Mensch zu Mensch unterschiedlich hell auf. Die obere Reihe zeigt rot gefärbte Hirnregionen, deren Reaktionen auf 20 angenehme Bilder wie glückliche Paare, Puppen, Sonnenuntergänge auf dem Land, Eiscreme oder Süßigkeiten, mit der Wesensart Extravertiertheit zusammenhängen. Extravertierte (und damit in der Regel glückliche) Menschen hatten als Reaktion auf das Betrachten dieser Bilder stärkere Aktivitätsmuster als introvertierte Menschen in den folgenden Hirnregionen: Amygdala (Aufnahme - 1), caudate Nucleus (Aufnahme + 5), Putamen (nicht dargestellt in der oberen Reihe) und mittlere vordere Hirnwindung (Aufnahme + 14).
Die untere Reihe zeigt blau gefärbte Hirnregionen, deren Reaktionen auf 20 unangenehme Bilder wie weinende oder wütende Menschen, Spinnen, Gewehre oder ein Friedhof, mit der Wesensart Neurotizismus zusammenhängen. Neurotische (und damit in der Regel unglückliche) Menschen hatten als Reaktion auf diese Bilder stärkere Aktivitätsmuster als gefühlsmäßig ausgeglichene, gelassene Menschen in den folgenden Hirnregionen: Mittleres Vorderhirn (Aufnahme + 5) und mittlere Schläfenlappen-Hirnwindung (Aufnahme - 4)11).
(Grafik links): Sehr enge, geradlinig ansteigende Zusammenhänge zwischen der Wesensart Extravertiertheit (NEO Scores) und dem Reagieren dieser Hirnregionen auf angenehme Bilder (z-Scores). Einfacher ausgedrückt: Je extravertierter jemand ist, desto stärker reagieren diese Hirnregionen auf angenehme Bilder. (Grafik rechts): Sehr enge, geradlinig abnehmende Zusammenhänge zwischen der Wesensart Neurotizismus (NEO Scores) und dem Reagieren dieser Hirnregionen auf unangenehme Bilder (z-Scores)11).